"Kommt wir wollen Laterne laufen"

„Manchmal ist es so, als ob das Leben einen seiner Tage herausgriffe & sagte: „Dir will ich alles schenken! Du sollst solch ein rosenroter Tag werden, der im Gedächtnis leuchtet, wenn alle anderen vergessen sind.“ (Astrid Lindgren)

 

Liebe Alle,

 

nächste Woche am 11.11. wird in vielen (Waldorf-)Kindergärten und Schulen der Martinstag gefeiert. St. Martin ist das 2. der herbstlichen Feste und wir feiern Güte, Mitgefühl und Nächstenliebe. „Martin, der in einer bitterkalten Nacht durch einen Schneesturm reitet, sieht am Wegesrand einen frierenden Mann und teilt seinen Mantel mit ihm.“ In einigen Einrichtungen wird diese Szene auch mit einer kleinen Aufführung vor dem traditionellen Laternenumzug dargestellt. 

 

Auch in unserer Zeit gibt es Organisationen und Einzelpersonen, die sich dafür engagieren, dass Menschen ohne Obdach eine warme Mahlzeit, Decken und warme Kleidung in dieser kälter werdenden Jahreszeit bekommen. Mit älteren Kindern kann der Martinstag ein schöner Anlass sein, um sich solch einer Organisation anzuschließen oder eine eigene Initiative zu starten. 

 

Für viele Familien kann der November und der Dezember gleichzeitig eine sehr herausfordernde Zeit sein und die Laternenfeste in den Einrichtungen zu einem Termin mehr werden, wo doch so viel anderes noch auf dem Zettel steht. Oft wird vor dem Laternenfest ein gemeinsames Basteln der Laternen für die Kinder als Elternabend angeboten und was für die einen der schönste Elternabend im Jahr ist, ist für die anderen eine kaum lösbare Aufgabe, weil die Betreuung der Kinder zuhause nicht gesichert ist oder noch zwei weitere Elternabende für die Geschwister besucht werden sollen.

Hier freundlich mit sich zu sein, gegenseitiges Verständnis zu schaffen und kreative Lösungen zu finden, kann helfen, Licht ins Dunkel zu bringen. 

So könnten am Elternabend die Bastelbegeisterten eine Laterne für ein Kind mit basteln, dessen Eltern nicht dabei sein können, oder es kann im Vorfeld eine Videoanleitung verschickt werden, oder eine kleine Gruppe von Eltern trifft sich zum Basteln Zuhause und betreut die Kinder gemeinsam mit einer kuschligen Pyjama-Party.

Es ist ja auch gleichzeitig die Zeit wo wir es uns gerne zuhause so richtig gemütlich machen und gemeinsam mit meinen Kindern haben wir an grauen Novembertagen auch immer die „Schlumpertage“ gefeiert, wo wir schon nachmittags den Schlafanzug anzogen, eine Kuschelhöhle mit Decken, Kissen, Lichterketten und gaaanz vielen Büchern gebaut haben, heißen Kakao bei Kerzenschein getrunken und gebastelt, gehäkelt oder einfach gekuschelt haben.

 

Das Martinsfest wurde übrigens im Kindergarten meiner Kinder damals so gefeiert: Ein Feuer erleuchtete den dunklen Garten es wurde sich begrüßt, heißer Apfelsaft wurde ausgeschenkt und die Martinshörnchen wurden geteilt und bei leisem Gemurmel verspeist. Dann zogen wir singend aus dem Garten. Alle haben gesungen, keiner gesprochen, Kinder und Erwachsene zogen fröhlich einen Berg hinunter und wieder einen kleinen Berg hinauf in einen Park. Die Umgebung war unruhig, der nahe Hauptbahnhof, die Straßenbahnen, all das störte den kleinen leuchtenden und fröhlich singenden Umzug nicht und wir versammelten uns zum Abschied auf einem dunklen Platz im Park, alle standen im Kreis dicht an dicht und die Laternen leuchteten in der Mitte, es war berührend in die strahlenden Kinderaugen zu schauen, welche mit den Laternen um die Wette leuchteten und jedes Jahr spürte ich eine Zuversicht für die dunkle Jahreszeit in diesem besonderen Moment in mir. Nach einem Moment der Stille sprachen die Erzieher*innen leise ein paar Abschiedsworte und wir hätten sie auch gehört, wenn sie geflüstert hätten, so still war es geworden. Dann sangen wir „Gute Nacht, gute Ruh, die Sonne geht nun schlafen, also schlaf auch Du..“ und wanderten nach Hause mit einem Licht nicht nur in unseren Laternen sondern in uns selbst.

 

Das ist jetzt schon mehr als ein Jahrzehnt her und ich frage mich heute manchmal, ob ich jetzt so eine werde, die der guten alten Zeit nachtrauert, eine ewig gestrige Waldorferzieherin.

Denn für mich bedeutet Waldorfpädagogik sich in den Zeitgeist hinein zu stellen und den Kindern, die jetzt hier mit uns sind, abzulauschen, was sie von uns brauchen, um sich gesund zu entwicklen. Ich denke, es ist auch unsere Aufgabe als Erwachsene in der Zeit in der wir jetzt leben den Kindern solch bedeutsame Momente zu schaffen und ihnen spirituelle Erfahrungen zu ermöglichen - gemeinsam still zu sein, Licht ins Dunkle zu bringen und als Vorbilder den Kindern eine innere Gewissheit zu schenken, dass die Welt gut ist.

Meine eigenen Kinder sind inzwischen junge Erwachsene und belächeln es manchmal, wenn es bei ihrer Waldorfmama wieder so ein bisschen heilig wird und dann genießen sie sie doch diese gemeinsamen Momente des Innehaltens und ich kann erleben, wie sie noch heute durch diese früheren Erlebnisse, wie das Laternenfest, oder auch das Adventsgärtlein, getragen werden.

 

In diesem Sinne bleibe ich eine Fragende, wie wir den Kindern auch heute „rosenrote Tage schenken, die im Gedächtnis leuchten werden“…. 

 

Herzlichst 

Eure Kathrin